Manchmal höre ich Stimmen – die Stimmen meiner Kinder aus dem Nebenraum, wie sie sich mit Papa oder Oma unterhalten oder auch miteinander. Manchmal verändern sie sich in ihrer Dringlichkeit und manchmal fühle ich mich auch aufgefordert einzugreifen und zu helfen. 

 

Ich höre sie gerade wieder, die Stimme des Großkindes, wie sie sich mit Oma unterhält:

Oma murmelt nicht hörbar

Großkind schreit: „Nein!“

Oma murmelt

Großkind schreit: „Nein! Nein!“

Oma murmelt wieder

Großkind schreit jetzt in Ekstase: „NEIN, NEIN, NEEEEIIIIIIN!“

 

Hmmmm. Was soll ich tun? Ach, ich bleibe noch, die werden doch wieder die Kurve kriegen… oder doch nicht? Jetzt steht Oma in meiner Tür, mit hochrotem Kopf und mehr oder weniger verhalten PRUSTEND, vor Lachen. Aha. 

Ich: „Was denn los?“

Oma: „Großkind hat doch da ein Grind am Ellenbogen…“

Ich: „Öhm ja, das Großflächige, warum?“

Oma: „Das ist jetzt ein Stück hochgebogen…“

Ich befürchte Schlimmstes und antworte vorsichtig: „Ja und?“

 

Oma in ihrer ganzen Barmherzigkeit hat ihr folgendes angeboten:

Oma: „Ich hab ihr gesagt, das MÜSSEN wir abSCHNEIDEN, sonst BLUTET es! Oder wir MÜSSEN ein Pflaster draufkleben, sonst BLUTET es!“

Ich: „NEEEEIIIIN. Och nicht doch…“

Arrrrrg. Gut, das wissen nur ABSOLUTE Insider, Großkind bekommt es mit der nackten Angst zu tun, wenn Wörter fallen wie „müssen“, „Pflaster“ und „schneiden“ – und „Blut“ kommt in dem Zusammenhang auch nicht gut – Kopfkino, keine Ahnung wohin sie das führt, aber es müssen sich wahre Abgründe auftun.

 

Ich gehe in Omas Wohnzimmer, wo mein Kind gerade vor sich hin leidet, das Arme. 

Ich: „Armer schwarzer Kater! Was ist denn passiert?“

Großkind schluchzend: „Da! Grind! OBEN!“

Ich, kucke, staune: „Ui! Wow! Cool! Hast Du das schon gesehen?“

Großkind verwirrt, Tonfall schon anders: „Hö? Was?“

Ich murmele geheimnisvoll und mache auf Graf Zahl: „Da hat wer gezaubert, aber psssst!“

Ich reiße die Augen vielsagend auf und nicke wissend.

GK: „Was? Wie? Wo?“

Ich: „Ist ein Geheimnis, kann ich Dir nur ins Ohr flüstern!“

GK: „Jaaaa! Los mach!“

Ich flüstere: „Kuck mal, da hat wer gezaubert, unterm Grind ist schon ganz tolle neue Haut, gar kein BLUT mehr! Alles weg!“

GK staunt, freut sich, fällt dann doch wieder plötzlich das heulen an: „ABER OMA HAT GESAGT, WIR MÜSSEN DAS ABSCHNEIDEN, WEIL ES SONST BLUTET UND WAS VON PFLASTER HAT SIE AUCH GESAAAAAGT!“

AAAhhh, fast hätten wir die Kurve gekriegt, faaaast. Ich tröste wieder und beteuere ihr, dass da natürlich kein Pflaster drauf muss und auch niemand daran rumschneidet und schüttele wild entschlossen den Kopf. Großkind beruhigt sich wieder und wir staunen nochmal gemeinsam über die gezauberte frische Haut.

 

Großkind: „Können wir jetzt nochmal das Zaubergel drauf machen?“

Ich: „Ja, das ist eine gute Idee!“

Wir gehen zu unserer Aloe Vera Pflanze, schneiden ein Stück ab und versorgen die frische Haut mit ausreichend Gel, dabei komme ich ein paar Mal „ganz aus Versehen“ an das Grind und es bricht ab – na so was.

Großkind: „Hey, Mama, das Grind ist ja ab!“

Ich: „Huch, hoppla!“

Großkind: „Hey Mama, das hat ja gar nicht weh getan!“

 

Was soll ich sagen… Ich freue mich mit ihr und natürlich hat das nicht weg getan, aber das hätte mir Großkind NIE im Leben geglaubt. Bei ihr funktioniert erklären nicht, da erklärt man sich um Kopf und Kragen. Bei uns gilt die Devise: „Deine Taten reden so laut, dass ich nicht hören kann, was Du sagst.“.

Und so höre ich sicher auch morgen wieder Stimmen aus dem … Nebenraum und werde mich auch morgen wieder – gemeinsam mit Oma verhalten prustend – entscheiden ob ich eingreife oder auf Verletzungen mit BLUT ein PFLASTER aufklebe oder irgendetwas ABSCHNEIDEN MUSS.

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