Der Todestag meines Papas jährt sich zum ersten Mal und ich möchte das nutzen, um unsere Geschichte zu erzählen, dieses Mal an ganz öffentlicher Stelle. Es sind Tagebucheinträge aus einem Forum, die bisher nur einer kleinen Gemeinschaft zugänglich waren. Sie sind nicht Korrektur gelesen, sondern einfach so, wie sie vor einem Jahr entstanden sind – ganz unverfälscht. Ich möchte damit Eure Herzen berühren und -auch wenn es seltsam klingt – eine schöne Geschichte über das Sterben und das Leben mit Euch teilen.

Samstag, 7.7.2012

– mein Papa hat Krebs und wir „warten“ auf den Tod. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders schreiben soll. Ich weiß gar nicht, was ich überhaupt schreiben kann oder will. Ich weiß auch gar nicht, was ich mir davon verspreche… vielleicht will ich es mal aussprechen? … vielleicht hilft es beim Loslassen? … ich weiß es nicht… ich weiß nur, dass es mir bei unserem Sternenkind sehr geholfen hat, hier zu schreiben. Ja, das ist es vielleicht. Ich hoffe einfach darauf, dass mir das hier irgendwie hilft. Und wenn es jemandem außer mir hilft, weil er das hier liest und sich nicht so allein fühlt, um so besser.

Wenn mir doch wenigstens ein Arzt sagen könnte, wie lange es noch dauert… diese Ungewissheit, dieses Warten, dieses Innehalten plagt mich sehr – obwohl ich mir schon wieder total schlecht vorkomme dabei überhaupt von mir zu schreiben, denn wie mag sich mein Papa fühlen, der ja diese Wartezeit mir Schmerzen und ständig zunehmenden Einschränkungen erleben muss. Und trotzdem ist diese ständige Frage da: werden wir den Termin XY wahrnehmen können? Soll ich mit den Kindern nach Hause fahren oder bleibe ich bei meinen Eltern? Reiße ich die Kinder aus ihrem Alltag (um bei den Großeltern zu bleiben) oder gebe ich ihnen den Alltag als sicheren Anker und wir fahren nur am Wochenende zu meinen Eltern? Vergeude ich damit dann wertvolle Zeit, weil er vielleicht nur noch 1 Woche lebt, die ich dann mit Alltag verschwendet habe? Was mache ich wenn in 3 Wochen meine Schwägerin heiratet (im Ausland, alles ist gebucht)?

So viele Fragen, keine Antworten und nur wenig Zeit sich über die wichtigsten Fragen den Kopf zu zerbrechen.

Ich hab die Bücher von Frau Kübler-Ross verschlungen, wenigstens hadere ich nicht mehr mit dem Tod oder dem Sterben an sich. Im Moment lese ich dieses buddhistische Totenbuch oder das Buch vom Sterben…. weiß gerade nicht, wie das heißt, das gibt wenigstens mal konkrete Anweisungen, was man tun und lassen sollte und wie das Sterben tatsächlich von Statten geht.

Sonntag, 8.7.2012

Ich weiß, dass wir eine tolle Möglichkeit haben uns zu verabschieden und Ungesagtes auszusprechen. Ich kenne es auch von der anderen Seite, wo der Tod schnell und unerwartet kam. Nichtsdestotrotz ist es schwer. Damit meine ich nicht die Begleitung an sich, sondern tatsächlich der körperliche Aufwand. Uns trennen ca. 400 km. Im Moment natürlich nicht – aber das Reisen ist mit zwei kleinen kindern nicht einfach, selten daheim zu sein und kein gewohntes familienleben in gewohnter Umgebung zu haben ist schwer. Das zehrt an uns allen, vor Allem an meinem großen Kind, die darauf mit ständigen Wutanfällen reagiert und ihre kleine Schwester dann auch nicht sehr nett behandelt….. einfach so viel auf einmal. Ich werde jetzt so fern von daheim einen Rhytmus reinbringen und hoffe damit die größten Probleme zu beheben.

Montag, 9.7.2012

Ich finde „Das andere Totenbuch“ ist eine echte Bereicherung. Habe uns jetzt die Musikempfehlungen in iTunes gekauft und sie laufen seit dem hier (Klangschalenmusik). Ich habe den Eindruck, als würde mein Papa endlich ruhiger schlafen können.

Heute hat er sich mehr und mehr zurückgezogen, war gar nicht mehr wach, was sicher auch an den Schmerzmitteln liegt, selbst wenn wir ihn geweckt haben zum Essen und Medis nehmen, war er nicht wirklich da, sondern die Augen waren ganz woanders – das ist sehr seltsam und so fremd, so wenig er. Er sagt, er hat keine Schmerzen, sein Gesicht sieht trotzdem leidend aus, ich frage mich, wie das sein kann?! Wahrscheinlich ist es falsch etwas verstehen zu wollen, dass wir mit unseren irdischen Begrenzungen einfach nicht in Sprache pressen kann. Meine Tochter sieht seine Aura und meint, sie sei unverändert silber. Ich sehe nur seine Krankheit um ihn strahlen, mal heller mal dunkler, mal verschluckt sie ihn bald an Helligkeit, mal sind die Strahlen nur schwach. Ich wüsste so gerne, was ich da wahrnehme….

Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber seitdem ich ihm gestern gesagt hab, dass er keine Rücksicht auf uns nehmen braucht – wie es im Totenbuch steht – seit dem zieht er sich zurück – ich hoffe, ich konnte ihm damit helfen.

Mittwoch, 11.7.2012

ich muss aufschreiben, was passiert ist, sonst vergesse ich –

letzte Nacht hat er mich gerufen, ich habe geschlafen und plötzlich ruft er „Nikola, ich habe Schmerzen.“ Ohne Panik in der Stimme, aber sehr bestimmt, es war nicht wie träumen, es war ganz anders und nicht in Worte zu fassen. Ich hab mich im Bett aufgesetzt und gesagt, „Ja, ich komme.“ und bin hinuntergegangen. Unten hab ich meine Mama angetroffen, die nur meinte, sie traut sich nicht ins Bett, irgendwas ist komisch. Mein Papa hat friedlich geschlafen. Ich habe ihn dann gefragt, ob er Schmerzen hat und er hat verneint. Aber danach war nichts mehr wie zuvor. Heute war er nicht mehr ansprechbar bzw. hat uns nicht mehr bewusst wahrgenommen.

Als mein Bruder bei einem Verkehrsunfall starb – ich war damals 6 – hab ich nach Angaben meiner Mama urplötzlich angefangen nach meinem Bruder zu fragen, wo er denn jetzt ist – sie wusste gar nicht, was ich will, denn ich wusste ja eigentlich, dass er unterwegs ist. Sie hat sich aber auch urplötzlich schlecht gefühlt und hat es auf meine immense Unruhe geschoben.

Ich glaube, mein Vater hat sich gestern mit dem Hilferuf von mir verabschiedet, weil er wusste, dass es wohl heute nicht mehr geht. Er hat heute nichts mehr gegessen, nur wenig getrunken und auch sonst scheint der Körper die Funktionen einzustellen.

Ich will das alles auf keinen Fall vergessen.

Er hat nun ständig Atemaussetzer und wir werden seine Seite nicht mehr verlassen. Er hat heute in größter Anstrengung gesagt, er wolle sterben.

Ich habe die Matratze meiner Mama schon neben das Krankenbett getragen, ich glaube aber nicht, dass sie seine Hand loslassen wird. Ich glaube auch, dass er das jetzt braucht. Ich werde wohl irgendwann schlafen gehen müssen bzw. stillen und kuscheln.

Ich freue mich, dass sich die Kinder schön harmonisch von ihm ins Bett verabschiedet haben.

Donnerstag, 12.7.2012

ich habe zu meinem letzten Geburtstag ein Trollbeads Armband von meinen Eltern geschenkt bekommen, sie wollte mir gerne etwas Bleibendes schenken, weil es der letzte gemeinsame Geburtstag sein würde.

Gestern als mein Papa so unruhig wurde (passierte immer mal wieder), hab ich seine Hand gehalten und seine Finger haben das Armband gefunden. Er hat dann innegehalten und es intensiv befühlt und sich beruhigt. Das war unendlich berührend. Ein anderes Mal der Unruhe, als ich ganz alleine mit ihm war, hab ich ihm den Psalm 23 gesungen, den ich ursprünglich für die Hausgeburt meiner Kleinen gelernt habe. Das hatte eine unglaubliche Wirkung. Seitdem singe ich den, wenn er unruhig wird und er fühlt sich sofort ruhiger.

Ich hab den Song jetzt noch schnell in iTunes gekauft, weil ich nicht weiß, wie lange ich noch singen kann. Es ist schon sehr traurig anzusehen. Der rasselnde Atem wird immer mehr. Die Palliativschwester, die heute morgen da war meinte, dass es bis zu 2 Tage dauern kann und sich das Rasseln auch noch steigern kann. Ich bin so dankbar, dass er keine Schmerzen hat.

Mein Mann hat sich jetzt für morgen frei genommen und kommt eventuell schon heute Abend zu uns. Endlich werden wir wieder alle beisammen sein.

Freitag, 13.7.2012, 0:06 Uhr

Mein Papa ist heute kurz nach 15 Uhr friedlich eingeschlafen, gehalten von uns allen, mir, meiner Mama, meiner fast 5 jährigen Tocher.

Wir hatten am Nachmittag noch Besuch von seinen besten Freunden (ein Ehepaar), die noch angekündigt hatten, dass sie vorbeikämen, als er noch wach war. Alle anderen waren schon da gewesen, mein Mann hatte sich gestern Abend am Telefon verabschiedet. Sie waren sehr betroffen ob seines Zustandes. Sein Freund hat sich irgendwann losgerissen, hat sich verabschiedet und hat das Zimmer verlassen – recht stürmisch – das war so bewegend. Meine Mama hat dann die beiden nach unten begleitet. Wir haben da schon aufgepasst, dass immer jemand durchgängig seine Hand hält, das war mir sehr wichtig. Mich hat dann urplötzlich eine große Traurigkeit ergriffen und ich musste sehr weinen. Musste ich davor noch nicht, nur mal ein paar Tränen oder ein Stocken beim Singen des Psalms – aber ab da hab ich sehr geweint und vor seinem Bett gekniet – dann hatte ich plötzlich das ganze komische Bedürfnis unbedingt den Schmetterlingtrollbead und die haltende Hände bestellen zu müssen. Also hab ich das einhändig, knieend vorm Bett getan – absolut surreal, aber es MUSSTE sein, genau in diesem Augenblick. Ich habe seine Hand NIE losgelassen, meine Tochter hatte mir extra den Laptop heran getragen.

Meine kleine Tochter hat geschlafen – ungewöhnlich lang, sie schläft sonst nur 2 h maximal. Es ging auf 3 Uhr zu und ich hab mich wirklich gewundert, dass sie noch schläft. Meine große Tochter sollte das Hand halten übernehmen, falls ich zur Kleinen gemusst hätte. Oma hat ja den Besuch begleitet und ist noch eine Runde im Hof gegangen und hat die Blumen geschnitten. Dann war meine Große irgendwie weg, ich weiß gar nicht wohin, ich glaub, sie war bei Oma, eine Etage tiefer und ich hatte vorm Bett gekniet und seine Hand gehalten. Da hat sich plötzlich etwas verändert, ich bin sofort bei ihm oben gewesen und wusste – ich hab sofort angefangen den Psalm 23 zu singen, damit er keine Angst hat und sich entspannt und geliebt fühlt. Da kamen auch schon Oma und meine Große die Treppe rauf, ich hab sie zu uns gerufen und wir haben alle gemeinsam seine Hände gehalten. Als meine Mama zu ihm kam um ihn zu auf die Wange zu küssen, hat er kurz gelächelt. Dann waren wir bei ihm und haben gesehen und gefühlt, wie er langsam an Farbe verlor und kühler wurde. Wir haben ihn dann losgelassen und ich habe aus dem Bardo tödol – dem Totenbuch vorgelesen, damit er seinen Weg finden kann. Die Lesung hat 25 Minuten gedauert. Danach hat er sehr friedlich geschaut.

Meine Kleine ist dann aufgewacht, pünktlich zum Ende der Lesung. Sie hat bis zum Schluss im Schlaf gewartet. Ich glaube, sie hat Opa sicher getroffen währendessen und sie haben sich verabschiedet. Wir haben in der ersten Stunde nach seinem Tod seinen Körper nicht mehr berührt. Das war uns wichtig, damit er loslassen kann und wirklich geht, sich darauf konzentriert. Nach etwas mehr als einer Stunde haben wir ihm Kleidung ausgesucht und alles vorbereitet. Meine Mama und ich haben ihn entkleidet und gewaschen, als er sauber und frisch war, ist das Unglaublichste überhaupt passiert – er hat angefangen wunderschön zu lächeln! Wir konnten es kaum glauben. Das hat uns beflügelt und wir haben ihn wunderschön angezogen.

Ich hatte auch seine Hausärztin verständigt und gesagt, sie solle sich Zeit lassen und auch keinen Bestatter informieren, wir wollen uns damit Zeit lassen. Als sie kam, hat sie uns wundervoll geholfen ihn anzuziehen – zu Dritt haben wir es wirklich gut zu Ende geschafft.

Wir haben alles gerichtet im Zimmer, alles aufgeräumt, Kerzen angezündet, Bilder und Steine aufgestellt. Mit jeder Minute die verging hat er mehr gelächelt. So schön.

Während der ganzen Zeit – und bis jetzt – läuft der Psalm 23.

Die Palli Schwester kam dann auch noch kurz vorbei, um nach uns zu sehen, als die Ärztin gegangen war, das war so nett und auch schön. Sie hat – genau wie die Ärtin kein betroffenes Gesicht gemacht oder so. Das finde ich so wichtig. Das ist mir so wichtig. Ich mag nicht mit der Trauer anderer umgehen müssen, umgehen in dem Sinne von, dass ich Fremde trösten soll, wenn mein eigener Schmerz da ist – ach ich weiß auch nicht, wie ich das formulieren soll. Ich halte im Moment alle, meine beiden Kinder, meine Mama, das ist gut so, das gehört so – da ist kein Platz für mehr.

Der Bestatter war dann auch noch da. Leider konnten wir wegen des Wetters keine 48 h Totenwache machen. Wir haben dann gesagt, dass wir ihn im Kerzenlicht herausbegleiten wollen und deshalb bis Sonnenuntergang warten wollen.

Es kamen noch Verwandte, die sich direkt von ihm verabschieden wollten – nur ein einzelnes Ehepaar. Das war schön. Dann hatten wir viel Zeit, um alles so zu richten, dass wir uns wohl fühlen und alles schön war. Meine Große habe ich in der Zwischenzeit ins Bett gebracht. Die Kleine wollte nicht schlafen – irgendwann hab ich verstanden, dass sie uns einfach auch begleiten wollte. Ich hab meine Große dann gegen 22:00 wieder geweckt, ihr erklärt, dass der Opa doch heute schon abgeholt wird und was genau passiert. (…) Sie meinte nur, das sei in Ordnung(…).

Wir haben jede einzelne Treppenstufe seines Weges mit Teelichten geschmückt. An der Eingangstür haben wir ein großes Windlicht angezündet und alle Bewegungsmelder für die Lampen im Hof ausgeschaltet. Dann wurde die Kleine müde und ich habe sie in den Schlaf gestillt, ins Tragetuch an meinen Bauch gebunden und dann kamen die Bestatter um ihn mit uns zu begleiten. Ich hab meine Große noch Huckepack genommen. Als mein Papa im Auto war, haben wir nach oben gesehen und den wunderschönen Sternenhimmel gesehen und uns gefreut. Meine Große hat Sterne entdeckt, die wie ein Blatt aussehen, mit Stiehl – das war der große Wagen, sie meinte, da wäre der Opa bestimmt schon, im hellen Licht der Sterne.

Ich dachte, dass es mir schwerer fällt, wenn er aus dem Haus getragen wird, aber es war gut so, wie es war.

Direkt nachdem er aufgehört hat zu atmen und dann auch wirklich von uns gegangen war, war ich plötzlich sehr glücklich. Ich hab mich so für ihn gefreut, dass er es geschafft hat, so zu sterben, wie er es wollte, ohne Schmerzen, bei uns und mit uns allen. Meine schrechkliche Traurigkeit von kurz zuvor war verschwunden und ist einem inneren Frieden gewichen. Ich möchte nichts von alledem vergessen.

2012-07-12-326